21.12.2010 - Dienstag ist Teppichtag

16:00 Uhr. Mein Leben beginnt. Mein Leben beginnt immer nach der Arbeit gegen 16:00 Uhr. Außer Freitag, Samstag und Sonntag. Ich lebe freitags immer eine Stunde länger und Samstag bis Sonntag sogar ganztags. Jetzt, wo ich mich gedankentechnisch von meinem Job entfernt habe wie Kampfstern Galactica von den letzten Menschenkolonien, nehme ich mir vor, mir mal wieder eine Runde selbst zu spendieren.  Ein neuer Teppich für meine neue Junggesellenwohnung soll es sein. Hell und warm und ansehnlich soll er sein. 
Ich steige in den sechzehn Jahre alten Ford Eierbecher, der bereits seinen dritten Austauschmotor feiert,  und gehe die noch funktionalen Systeme durch.
Motorglucksen nach dem Anlassen: gecheckt!
Handbremse gelöst: gecheckt!
Abblendlicht: gecheckt!
Radio eingestellt auf Lieblingssender: gecheckt!
Antenne ausgezogen: gecheckt!
Der alte Ford prescht vorwärts und vor mir tun sich tausende von Kubikmetern von Neuschnee auf. Was für ein klasse weißer Winter. Ein Paradies für Schneefahrer wie mich. Für die restlichen 95% der Führerscheinkäufer anscheinend die größte Katastrophe. Nachdem sich der silberne Eierbecher durch zwei Seitenstraßen gefräst hat, biege ich auf die Hauptstraße meines Heimatortes ab.
Und wie soll es anders sein… Ich treffe auf einen dieser 95%igen Vorsichtsfahrer, welcher vor mir mit einem schwarzen 5er BMW und satten 10 km/h die Hauptstraße hochjachtert. 
180 PS, Traktionskontrolle, ESP, Antischlupfregulierung, Kontrollverlustbooster, Auspuffblubberverstärker und 235er Reifen. So schiebt sich der BMW vor mir her, als hätte man ihm den Motor an der letzten Tankstelle geklaut und den entstandenen Platz mit Stahlbeton ausgegossen. Der Fahrer schraubt seine Hände an das Lenkrad und die weißen Knöchel treten markant hervor. Sein Gesicht zieht unter einer braunkarierten Mütze eine angespannte Grimasse. Die dicke Hornbrille scheint die Windschutzscheibe aus der Fassung drücken zu wollen. In den folgenden zehn Minuten bewältigt die Autokarawane BMW/Ford ganze achthundert Meter. Ich baue mir in Gedanken zwei Fachwerkhäuser und ein Hausboot zusammen, nur um nicht einzuschlafen. Die Tachonadel des Ford quittiert die Raserei mit Streik.  
Warum setzen sich Menschen ins Auto, wenn sie mit dem Fahrrad oder ihrer Gehhilfe wesentlich schneller Ziele im Umkreis von zweihundert Kilometern erreichen können? Nur um die restlichen Verkehrsteilnehmer wie mich an den Rand des Wahnsinns zu bringen! 
Der BMW scheint nun fast still zu stehen. Noch langsamer und er läuft Gefahr, auf den Straßen festzufrieren. Die analoge Uhr zeigt 18:30 Uhr. Der Teppichhandel im zehn Klometer entfernten Nachbarort schließt bereits um 19:00 und ich rechne mir aus, den Laden unter diesen Umständen nicht vor Mitternacht erreichen zu können. Mein Fuß tritt das Gaspedal vorsichtig durch und der silberne Eierbecher schießt am bayrischen Exportbartikel vorbei. Der BMW verschwindet in einem Fahrnebel aus Eis und Schnee und meine Nerven rehabilitieren sich.
18:45… Der alte Ford sucht sich selbstständig mit ausbrechendem Hinterteil einen der noch freien Parkplätze des Verkaufshauses. Meine nass geschwitzten Schuhe führen mich durch das festliche Eingangsportal und eine wohlige Wärme mit den Gerüchen eines Neuwagens umgibt mich. Eine Warenvielfalt mit über zweitausend Teppichen, geknüpft und gehäkelt durch glückliche chinesische Kinderhände, bricht über mir zusammen. 
Ich habe fünfzehn Minuten, um mir alle Teppiche zu betrachten und einen geeigneten Läufer zu angeln. Das macht weniger als 2,3 Sekunden pro Teppich. Und das Dank eines Autofahrers, der sich zum Sterben in seinen BMW gelegt hat.
Ich forste mich wie Fozzi Bär durch die Berge von handgeknüpfter Wolleartikeln und erspähe ein attraktives Sonderangebot im Kassenbereichs. Ein hell melierter Langflor für 179,00 Euro. Ein Schnäpperchen unter Berücksichtigung der Größe von drei mal zwei Metern. Ich gönne mir einen weiteren Blick in das wollige Rund und erspähe in der hinteren Ecke eine weit aus bessere Qualität einer Super-Comfort-Auslegware für dreißig Euro pro Quadratmeter. Ein Langflor supersanft, knieschonend, mit antistatischer Fleckenabwehr und gehobbelter Zottelhaartechnik. Das ist etwas ganz anderes, als die Zusammen-Klitsch-Klatsch-Technik der Teppichböden im Kassenbereich. Klar, ein stolzer Preis für solch einen Fetzen Bodenstoff. Trotzdem entscheide ich mich jetzt für den Edel-Stoff von der Rolle. 
Nur noch sieben Minuten bis Geschäftsschluss. In der Aufregung überrechne ich schnell 3 mal 2 Meter mal 30 Euro = 180,00 Euro. Der selbe Preis für einen qualitativ 10mal besseren Teppich als der ausgestellte Wollhaufen vor dem Kassenbereich, den ich noch zwei Minuten zuvor mein eigen nennen wollte. Alles klar! Die Entscheidung steht nun unumstößlich fest!
Noch 5 Minuten. Gellend schwappen meine Rufe nach einem Starverkäufer durch die  Halle. Ein Pinguin mit Krawatte und Lackslipper bestellt mich mit einer freundlichen Geste zu seinem Verkaufstisch und wir beginnen unverzüglich mit der Aufnahme der Formalitäten. Nachdem er meine Angaben akribisch in seiner Datenbank verankert und gespeichert hat, wird ein Trupp Mitarbeiter konsultiert, um die Auslegware in das von mir gewünschte Teppichmaß zu zerschneiden. Gut gelaunt schiebt mir der Starverkäufer mit dem Pinguinschnabel die bereits zweifach ausgedruckte Rechnung über den altweißen und abgegriffenen Tisch. Ein Blick auf die Zahlen lassen meinen Magen augenblicklich wie eine russische Fernsehröhre implodieren.
Natürlich… Die Auslegware kommt schließlich von einer Teppichrolle mit einer Gesamtbreite von 5 Metern. Die Rechnung besagt, dass ich soeben einen Teppichrest im Wert von 300 Euro erworben habe.
Farbwechsel laufen durch mein Gesicht wie bei einem kranken Oktopus. Hinter mir höre ich, wie die emsig arbeitende Mitarbeiterbrigade den Teppich ausrollt und die elektrische Teppichschneidemaschine in Betrieb setzt.
Määääääää määääääämmmmmäämmmämmmäääää…
Das Gerät schrillt mit dem bissigem Ton eines sterbenden Schafes durch den mitlerweile leeren Verkaufsraum.
Määäääääämmmmmmmmäääämmmäääääääääääää…
„Oh mein Gott“, fährt es mir durch den Kopf. Um den Fehler auszugleichen werde ich die nächsten zwei Monate meine Pausensnacks bei Wasser und Brot verbringen müssen. Nur wegen eines einzigen Rechenfehlers. 120.- Euro in den Wind geblasen. Und das mir! In der Schule war ich immer einer der Besten, wenn es um komplizierte Rechenaufgaben ging. Und nun scheitere ich bereits an einer simplen Multiplikationsaufgabe im einstelligen Zahlenbereich. 
18:58 Uhr. Nur noch zwei Minuten um meine Entscheidung zu korrigieren, die wild gewordene Teppichverkaufscrew zu stoppen und dem Pinguinschnabel verständlich zu machen, dass es sich hier nur um ein peinliches Missverständnis handele.
„Ääähm, ich sehe gerade, sie haben auch andere Teppiche?“
Mr. Pinguinschnabel schaut mich an wie ein Eisbär, dem man eine siedendheiße Wärmflasche unter die Tatzen geschoben hat. Gellend schneidet sein Ruf zu der Teppichcrew mit dem wimmernden Schneidewerkzeug durch.
„Stopp! Halt! Rollt den Teppich wieder auf.“! 
Mürrisch rollt die Teppichbrigade den Super-Langflor wieder auf die Rolle. Ich verabschiede mich dankend und hetze um 18:59 Uhr zum Kassenbereich. Ich zottele mir den schon zuvor begutachteten, hell melierten Billig-Flor aus dem Stapel und zahle pünktlich um 19:00 die geforderten 179,00 Euro für das Schmuckstück. Als ungekrönter Teppichkönig und dem Gefühl ein geradezu einmalig tolles Schnäppchen gemacht zu haben, verlasse ich die sich hinter mir schließende Teppichwelt.
Schnell das Prachtstück ins Auto gestopft, ab nach Haus, Teppich wieder ausgeladen, im Wohnzimmer abgerollt und Sitzecke wieder draufgeklatscht.
 Der Tannenbaum ist echt und hebt alles,
was sich in meiner Stube befindet!

Im Hintergrund die Kombination Frühlingsgrün/Bordeauxrot... 
Einmalig in ganz Deutschland! Oder?

Mein Käuferstolz siecht dahin wie Kräuterbutter im Heißluftofen. 
Der Teppich ist schön. Mein Wohnzimmer ist schön. Dieses ist aber kein zwingender Garant dafür, dass beides auch in jedem Falle zueinander passt.
Das viereckige Wollding sieht auf meiner blauen Auslegware aus wie ein riesiger Möwenkothaufen. Ich habe ich das Zimmer bereits vor einem Monat in den Farben Frühlingsgrün mit Bordeauxrot gestrichen. Der Eindruck, hier zu Gast bei Prinzessin Lillifee zu sein, erreicht damit einen neuen Höhepunkt.
Ich will nichts überstürzen und lasse alles stehen und liegen. Morgen habe ich eine andere Sicht auf die Dinge. Und auf den Möwen-Teppich. Gute Nacht!

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