Der Turmbau zu Babel

So schnell geht das. Kaum hat man sich für Kinder entschieden, da sind sie wenige Lebensaugenblicke später auch schon erwachsen geworden und feiern ihr 17jähriges Bestehen. Meine Tochter plant bereits seit zwei Wochen ihre Geburtstagsfeier. Ganze 4 Tage sollen die Feierlichkeiten anhalten und sprengen damit den Zeitraum der Fete von Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins, als sie mit Apollo 11 heile vom Mond zurückgekehrt sind. 
Ich habe mich entschieden, die bucklige Verwandtschaft weit jenseits der 60 zu betreuen, damit Töchterchen Zeit hat, sich mit ihren Freundinnen und Freunden ihres Alters zu beschäftigen.
Kuchen, Torte, Hausschnaps, fertig! Alles da für Oma und Opa Lohnde und Oma Seelze. Meine Kinder benennen ihre Verwandten nach den Orten, in denen sie leben. Ich bin froh, dass niemand im amerikanischen Chelmsfort Massasusetts oder gar in der walisischen Stadt mit dem unaussprechliche Namen Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch wohnt.

Mich würde interessieren, was ein Navi anzeigen würde...

Punkt 16:30 warnt die Türklingel, dass die erwarteten drei Eindringlinge mit einem Gesamtalter von 230 Erdenjahren bereits vor der Eingangstür stehen.
Zehn Minuten später füllen sich bereits die Teller mit Fanta- und  Mandelkuchen. Opa Lohnde schiebt lustlos seinen Teller über den Tisch und wartet auf den Hausschnaps, der noch im Schutz des dunklen Kellers auf seinen Einsatz wartet.

Oma Seelze beginnt das Gespräch wie immer damit, dass sie nicht versteht, dass sie schon wieder zugenommen hat und klatscht sich während ihrer ernstgemeinten Ansprache den Teller mit dreitausend Kalorien pro Quadratzentimeter voll.
Oma Lohnde saugt derweil den Kuchen mehr ein, anstatt ihn zu essen. Sie hat neue Zähne. Der Zahnarzt hat nicht gut gearbeitet und ihre künstliche Beißfront versucht unentwegt, frontal aus ihrem Mundraum zu flüchten.
Wie ein Battalion von aufgereihten Mähdreschern ziehen die Buckligen ihre Schneisen durch die auf dem Tisch befindlichen Sahneleckereien. Weitere zwanzig Minuten später sind von der meisterhaften Backarbeit nur noch staubkorngroße Krümel übriggeblieben.

Oma Seelze: Hat ihrer Meinung nach - vollkommen unschuldig - ein 
paar Kilo zu viel auf den Rippen...

Nun beginnt der gemütliche Teil der Pensionärsversammlung. Die kleinen Gläser füllen sich und die Gäste meiner Tochter auch.
In der Folge geschieht etwas, was bei jedem Treffen des hiesigen Ältestenrates zu beobachten ist. Sei es bei einem Geburtstag, nach einer Beerdigung oder während anderer wichtigen Verabredungen. Nur eine halbe Stunde nach Zufuhr aller zur Verfügung stehender alkoholischer Ingredienzien, geht es zu wie während des bibelhaften Turmbaus zu Babel. Jeder Gast spricht eine andere Sprache. Dieses Phänomen ist nur schwer zu erklären, bzw. zu umschreiben. Ich habe allenfalls die Möglichkeit einen 10minütigen Gesprächsauszug wiederzugeben, damit Ihr versteht, was ich meine… 
Noch sehe ich normal gesprächs- und aufnahmebereit aus, fühle mich gut und eröffne das Gespräch mit dem Thema Wetter. 

Eli: Noch fühl ich mich gut!

Das Thema Wetter bildet die Eröffnung eines jeden Gespräches und ist so wichtig wie der vorentscheidende Eröffnungszug beim Schach.
Ich warte gespannt auf den Gegenzug…
Opa räuspert sich und schiebt sein Hörgerät in die richtige Position.
Oma Lohnde verarbeitet die Worte wie ein Computer mit Lochkarteneinschub.
Oma Seelze springt am schnellsten an.

Oma Seelze:
„Ja. Das Wochenende soll warm werden.“

Opa Lohnde:
„Wa?“

Oma Seelze:
„Das Wochenende!“

Oma Lohnde an Opa Lohnde gerichtet:
„Es soll warm werden! Sind die Batterien vom Hörgerät schon wieder leer?“

Opa Lohnde:
„Du spinnst doch.“

Oma Lohnde:
„Kann doch sein!
…
Quatschkopp!“

Oma Seelze (ein weißer Sahnebach läuft unbemerkt aus ihrem rechten Mundwinkel am Kinn herunter):
„Vielleicht sind sie ja tatsächlich alle.“

Oma Lohnde:
„Bianca hat ja auch bald Geburtstag.“ (Bianca ist ihre 2te Nichte)

Opa Lohnde:
„Wo?“

Oma Lohnde:
„Na in Dortmund. Die will ja jetzt auch nach Frankfurt ziehen.“

Opa Lohnde:
„Wer? Du? Ach so. Bianca. Ja.“

Oma Seelze:
„Da soll es ja auch schön werden.“

Opa Lohnde:
„Die wohnt doch nicht in Frankfurt. Die wohnt in Dortmund.“

Opa Lohnde im Einsatz. Jetzt läuft er warm...
Oma Lohnde:
„Aber wollte sie nicht wegziehen? Arbeitet ihr Mann nicht in Frankfurt.“

Oma Seelze an mich:
„Hast Du eigentlich ein Telefon in Deinem Büro? Kann ich dich da auch anrufen?“

Ich:
„Natürlich hat mein Büro ein Telefon. Wenn nicht, wäre es ja auch eine Werkstatt.“

Opa Lohnde:
„Die arbeitet doch in Dortmund!“

Oma Seelze:
„Dann ruf ich dich mal an.“

Oma Lohnde:
„Aber ER arbeitet in Frankfurt.“
 
Ich an Oma Seelze (mit der jetzt 6 Zentimeter langen Sahneschleimspur am Kinn):
„Ja! Mach das. Ich habe die Durchw…“

Opa Lohnde:
„…Ich habe ein neues Handy. Du kennst Dich doch da aus.“

Ich:
„Ich kenne mich nicht mit allen Handys aus. Auf meiner Stirn steht ja nicht Telekom. Was haste denn für Probleme?“

Opa Lohnde (zuckt sein neues Nokia Touch Screen Handy aus der Tasche):
„Ich habe noch keine Dings auf diesem Telefon. Und das kann doch das.“

Ich:
„Was kann das? Beamen?“

Opa Lohnde:
„Lieder.“

Ich:
„Ach so. Ja. Das hat einen MP3 Player installiert.“

Oma Lohnde:
„Was hat das? Haste schon wieder ne Technik gekauft, die de nicht verstehst?“

Opa Lohnde:
„Halt dich doch aus den Sachen, raus, die DU nich verstehtst.“

Ich:
„Wir brauchen ein USB Verbindungskabel.“

Oma Seelze:
„Ich brauch auch ´n neues Kabel. Der Strom wird immer teurer.“

Oma Lohnde:
„Bianka zahlt für ihre Wohnung viel zu viel.“

Opa Lohnde:
„Ich habe keine OB Kabel.“

So schaute ich nach dem Satz mit dem OB-Kabel!

Ich (an Oma Seelze)
„Das hat mit deinem Kabel nichts zu tun. Du musst schauen, welcher Stromanbieter am günstigsten ist.“

Oma Lohnde:
„Wir zahlen nur das, was wir verbrauchen.“

Opa Lohnde:
„Du spinnst doch.“

Oma Seelze:
„Der Strommonteur ist letztens bei uns im Haus vorbei gekommen und er hat sich mein Telefon NICHT angeguckt. Obwohl ich ihn darum gebeten habe!“ (Sie zieht mit ihrem Mundwinkel in ein Schippchen-Winkel).

Ich:
„Was hat der Hauselektriker mit deinem Telefonanbieter zu tun?“

Oma Seelze:
„Ja wat weiß ich.“

Opa Lohnde:
„Ist sowieso alles gleich teuer.“

Ich:
„Ich haben fürs Haus eine Rechnung des alten Stromanbieters von 30,00 Euro bekommen. Ich weiß nicht wofür. Der Stromanbieter wurde bereits vor zwei  Jahren gewechselt. Von “Stadtwerke“ auf “EeasyStrom“.“

Oma Seelze:
„Machen die auch mein Telefon?“

Oma Lohnde:
„In Frankfurt gibt es auch Stromanbieter.“

Opa Lohnde:
(Schaut nur auf Oma Lohnde. Verwirrter, verständnisloser Blick).

Oma Lohnde:
„Ich meine ja nur.“
 
Opa Lohnde:
„EasyStrom ist doch Strom!“

Ich:
„Jaaaaa!“

Opa:
„Stadwerke ist doch auch Strom!“

Ich:
Mein Reden seit 33!

Oma:
„Oh Gott! Ist es schon wieder so spät?“

 Oma Lohnde: Die Zahnfront schiebt sich 
schon wieder langsam Richtung Ausgang...

Opa Lohnde:
„Dann ist das mit den dreißig Euro bestimmt Strom.“

Ich:
„Ich glaub, mein Kittel brennt.“

Oma Seelze:
„Hunde sind schon etwas tolles.“

Ich:
„In manchen Ländern gehören die zu jedem guten Essen dazu.“

Opa Lohnde:
„Und wie bekomme ich jetzt das Dings auf mein Handy?“

Oma Lohnde:
„Bianca hat auch Musik auf ihrem Handy. Ob das auch in Frankfurt funktioniert?“

Oma Seelze:
„Wieso? Hören die da nicht dieselbe Musik wie in Dortmund?“

Opa Lohnde:
„Ich will aber nicht diese Hottentotten drauf haben.“

Oma Lohnde:
„Die Gruppe kenn ich gar nicht.“

Ich:
„Ja, klar! Ich klatsch dir den ganzen Speicher mit Wiener Walzer voll.“

Oma Lohnde:
„André Rieu ist schon toll. Und wie der spielen kann.“

Oma Seelze:
„Der hat ja auch Hunde.“

Opa Lohnde:
„Ja, oder Polka oder so.“

Ich:
„Kann ich dir alles drauf ziehen.“

Oma Lohnde:
„Der Rieu spielt nur ganz wenig Polka.“

Opa Lohnde
„Der Freund vonne Bianca hat ja auch Hunde.“

Oma Lohnde:
„Aber auch ganz viel Walzer!“

Oma Seelze:
„Wer? Der Freund?“

Oma Lohnde:
„Nein. Der andere“

Ich:
„Sie meint Rieu.“

Opa Lohnde:
„Bianca ist doch nicht mit dem Rieu zusammen. Der heißt doch anders.“

Oma Lohnde:
„André Rieu heißt der. Rieu! Der mit der Geige.“

Oma Seelze:
Wer jetzt? Der Stromanbieter?

Ich:
„Neeeeiiiiiiin!“

Nach 10 Minuten staune ich nur noch. 
Und weiß auch nicht mehr, worum es eigentlich geht.

Oma Seelze:
„Der sollte nach meinem Telefon gucken, weil der gerade zufällig im Haus war. Hat der nicht getan. Versteh ich nicht!“

Oma Lohnde:
„Was?“

Opa Lohnde:
„Wer?“

Oma Seelze:
„Wie jetzt?“

Ich:
„Ich mag nicht mehr…“

Drei Stunden, zwanzig Gesprächsthemen und vier Flaschen Waldmeisterschnaps später, löste sich die Geburtstagsgilde auf. Oma Lohnde gratuliert meiner Tochter zum Abschluss nochmals zu ihrem achtzehnten Geburtstag (obwohl sie ja ihren 17ten feiert).
Die Tür fällt ins Schloss.
Wellen der Ruhe breiten sich so rasant aus wie die Druckwelle einer Wasser-Mine.
Geschafft! Es ist wieder ruhig. Ich setze mich auf einen der leeren Stühle. Er gibt noch die Wärme des kurz zuvor darauf geparkten Hinterteils von Oma Seelze ab.
Ich freue mich schon auf Dezember. Dann hat Sohnemann Geburtstag. 
Na denn... Prost!

Die dampfende Hand

Quälend zieht sich das Gefühl einer Leere durch meinen Magen wie ein verirrter Wettersatellit im Orbit des Merkurs. Hunger! Seit 2 Tagen habe ich nun nichts Festes mehr zwischen meinen verblendeten Kauflächen gehabt. Ich sehne mich nach einem Wildschweinteller alla Obelix. 
Heute Abend wollen wollen meine Bekannte und ich Essen gehen. Wir haben uns für etwas Chinesisches entschieden. Bis dahin sollte ich mir nicht den Magen füllen, sonst reicht es für heut Abend allenfalls noch für eine Bifi an den Hamburger Landungsbrücken.

 Das wäre für mich jetzt die richtige Portion. 
Und das bereits nach dem Aufwachen 

Es ist 05:00 Uhr in der Früh und ich reibe mir den restlichen Schlafmännchensand aus den Augen. Dieser kleine Kobold mit rotem Filzjäckchen und weißem Flauschebart leistete die Nacht über ganze Arbeit. Der sächsische Gnom hat meine Augen in zwei große Kiesgruben umgebaut. Alle Achtung!
Trotzdem bin ich rattig munter und es gibt nichts, was auf einen schlechten Tag schließen ließe. Selbst der Kauhof Wecker tutet diesmal dezenter und zärtlicher als sonst. Ich schlurfe Richtung Badezimmer und schalte unterwegs den Wasserkocher ein. Eine Teein Bombe soll meine Restmaschinerie in Gang bringen.

Beweisfoto... Mitten bei seiner Arbeit aufgenommen:
Der Sandmann baut meine Augen um!

Eine halbe Stunde später sitze ich abmarschbereit wie eine Wildente auf ihrem ersten Südflug auf der Flurtreppe und versuche in die Turnschuhe zu kommen. Ich habe sie beim Ausziehen mal wieder nicht aufgeschnürt. Sie sind fast neu und wehren sich noch dementsprechend unaufgebunden über die Füße zu gleiten.

Zu jeder Zeit in der Stellung "ZU".
Meine neuen Sport-Treter

Auf dem zehnminütigen Weg zur S-Bahn geben sie ihre Gegenwehr auf und formen sich langsam den Knick- Spreiz- und Senk Füßen an.
Im Weiteren stellt meine Hühnerhaut schmerzhaft fest, dass es kalt ist. Ich habe lediglich ein weißes Hemd unter einer dünnen Sommerjacke an. Ich will schließlich einigermaßen schick beim Chinesen erscheinen und nicht wie ein Inuit bei der Robbenjagd auftreten. Dafür quäle ich mich gerne. Auch, wenn ich mit meinem ameisenbeindünnen Viskosehemd von der Kälte so betroffen bin, dass sich meine Gliedmaßen auf dem kalten Bahnsteig vom restlichen Körper absprengen werden.
In den - durch Lautsprecher angepriesenen - fünf Zugverspätungsminuten klappern meine Zähne aufeinander wie ein rotierendes Glücksrad. 

Endlich, die Bahn kommt. Die Waggontür öffnet sich vor meinen Füßen und der Schließknopf meiner Jeans sprengt sich oberhalb des Reisverschlusses von meiner Hose ab. Das blecherne, bronzene Ding schlägt auf dem Wagenboden auf und lüngelt lautstark einige Meter durch das Zugabteil. Eine Damenriege verstummt und guckt mit Neugier im Gesicht dem klimpernden Blechding entgegen. 

Dünnnkel, dünnkel, dünkel, lüüüngelllüüngellüngelünglünglüng!

Ich gucke an mir herunter und begutachte meine kaputte, erst drei Tage alte und neunzehn Euro teure Takko Hose. „High Quality“ ist auf der im Innenteil befindlichen DIN A4 großen Bügel- und Waschanleitung gedruckt.
Das weiß ich noch genau.
Flink sammle ich den vor mir fliehenden Blechknopf wieder ein und flüchte vor den Blicken der Mitfahrer in die erste Klasse. Im Vorbeigehen erkenne ich, dass alle Mitreisenden noch all ihre Knöpfe an der Hose haben. Ich bin wohl der einzige, der bei Takko der High Quality vertraut hat.
Schnell rauscht die Umgebung an mir vorbei. Eine Zeitung vom Vortag verkürzt mir die zwanzigminütige Reise in die Leinestadt. Die Ruhe wäret nicht lang. Eine ältere Frau zwischen sechzig und neunzig sitzt auf der blau karierten Bank vor mir. Von einem Moment auf den anderen und ohne Anzeichen eines bevorstehenden Hurrikans werden ihre Augen erst glasig, um sich danach zu riesigen Christbaumkugeln nach außen zu weiten.
Ich sollte gewarnt und vorsichtig vor dem sein, was jetzt kommt. Die jetzt riesigen aufgepumpten Froschaugen aber paralysieren mich und ich gucke ihr fasziniert wie ein Gibbon-Äffchen entgegen.

So in etwa...

Haaaaaaaaatttschschschschiiiiiiiiii…

Innerhalb weniger Nanosekunden verschleudert die Elefantendame kleine Sekretfäden ihres Naseninhaltes treffsicher über meine Zeitung hinweg. Das letzte Mal erlebte ich solch gewaltige Gischtwellen beim Besuch der Niagarafälle in Kanada.
Bevor ich meinen Schutzschild in Form meiner Bild Zeitung hochbekomme, wälzt sich bereits die zweite Angriffswelle auf mich zu. Diesmal sind ihre Augen noch größer und ich habe Angst, ihre Pupillen reißen beim nächsten Nieser aus der hinteren Verankerung.

Haaaaaaaaaaaaatttschschschschschschiiiiiiiiiiiii…

Ich bin jetzt regelrecht nassgeblasen. Egal an was für einer Krankheit die großäugige Elefantendamme in den letzten zwei Jahren litt – ich werde sie jetzt definitiv haben – und meine Takkohose auch.
Ich habe weiterhin das Abendessen mit meiner Bekannten im Sinn und meine Laune wird sich durch nichts und niemanden negativ beeinflussen lassen. OH NEIN!
Ich nehme den Rest der Fahrt meine Schutzschildzeitung nicht mehr runter, obwohl der Artikel fünf Zentimeter vor meinen Guckantennen regelrecht wegschwimmt.
Im Hauptbahnhof wälze ich mich zwischen dem Pulk von Reisenden und den Spalier stehenden „Oma und Opa vom Zug Abholern“ durch und betrete endlich mein Büro.
Jetzt einen schönen Tee.
Am besten einen Grippetee. Sozusagen als Präventionsmaßnahme. Mein Gesicht ist wieder trocken. Hier und da spannt es gefühlsmäßig noch ein bisschen.
Der alte Kaffeekocher aus den frühen Sechzigern nimmt seine Arbeit auf.

Brotzel, britzel, brodel, model, broppel, sprutz und spritz…

Lustig agile Wasserblasen zeigen an, dass das Wasser seine Siedetemperatur erreicht hat und ich gieße die brodelnde Masse über den Teebeutel in meiner Tasse. Schnell verfärbt sich das Wasser von den Blättern südchinesischer Teeplantagen. Und wenn jetzt nicht der Beutel reißen würde – ich hätte sogar die Chance auf echten Teegenuss.
Das Teebeutelleck wird größer und größer. Der Beutelinhalt löst sich in der Tasse auf, wie ein Pferdefladen im Sommerregen.
Nicht aufregen, Eli, strömt es giftig durch meine Gedankenwelt.

ICH BIN RUHIG! ICH BLEIBE RUHIG!

Der aufgebrochene Teebeutel füllt meine Tasse.
2 Minuten später blicke ich auf Sumpgebiet.

Nach Begutachtung meiner Jeans versuche ich notdürftig, den abgesprengten Hosenknopf wieder anzubringen. Nur noch zwei Minuten bis zu einer wichtigen Sitzung.
Ich muss pünktlich sein wie die Braunschweiger Atomuhr.
Der blöde Nietenblechknopf hält nicht. Jedenfalls nicht durch bloßes Andrücken. Ich schlupfe aus der Hose, lege die Jeans auf den Bürotisch und hämmere mit dem Bürotacker auf dem Niet herum. Der ganze Knopf krümmt sich unter den Schlägen des schweren Bürotackers

Der Nietbolzen in der Mitte wirkt sehr malträtiert von den Schlägen 
mit dem Tacker. Der ganze Knopp ist schon krumm gebogen.
Wenn jetzt jemand den Raum betritt, komme ich in akute Erklärungsnot. Warum schlage ich - nur in Unterhosen, schwarzen Strümpfen und einem weißen Hemd gekleidet - auf meiner Jeanshose mit einem Tacker herum? 
Das Telefon klingelt. Es ist mein Büronachbar der mich kurz unterrichtet, dass das Aufsichtsamt beim Pförtner steht und meine Abteilung auf den Kopf stellen will. In windes eile ziehe ich mich wieder an und reiße den Teepott vom Tisch.
Ich bin schnell. Zu schnell. So schnell, dass ich mir die vulkanheiße Chinabrühe über die linke Hand schütte.
Jetzt ist Polen offen.
Ich fluche laut die dampfende rote Hand an. Einzelne Tropfen laufen bis zu den Enden meiner gekochten Fingerkuppen und klatschen zu Boden. Nur noch eine Minute bis zur Sitzung und drei Minuten bis Hobby-Inspektor Clouseau vom Aufsichtsamt aufschlägt.

Jetzt bin ich kurz vorm Durchdrehen.

Wieder klingelt das blöde Telefon. Ich nehme ab und die rote Hand dampft am grauen Telefonhörer wie ein Tanzflächenvernebler vor sich hin.
Zwei Meldungen vernehme ich aus dem Munde meiner Sekretärin, bevor ich resigniert auflege.
Die wichtige Sitzung ist verlegt. Nächster Termin unbekannt. Inspektor Clouseau vom Aufsichtsamt ist auch wieder weg. Er beguckt sich erst andere Abteilungen.
Ich registriere die Worte. Ich wünschte, es ist Feierabend und ich sitze im ICE nach Hamburg. Ich wünschte, ich sitze bereits beim Chinesen und das Einzige was dampft, ist eine scharfe Wan Tan Suppe.
Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Zu lang, für eine Kurzgeschichte...

Der Todessprung

Nu ist es wieder so weit. Die alljährliche, von vielen Männern geliebte und derer Frauen gefürchtete Grünkohlwanderung steht vor der Tür. Vierzig Kollegen, Freunde und Bekannte haben sich angemeldet, um die Karawane der Torkelgänger 2011 zu begleiten.

Jedes Jahr im Februar dasselbe Schauspiel. Eine überaus durstige Gruppe von Menschen reist aus allen Himmelsrichtungen wie Lenkraketen auf den Bahnhof Bückeburg zu. Von dort aus geht es mit einem mit Spirituosen gefüllten Bollerwagen zehn Kilometer über die Tundra der Schaumburger Grafschaft. Am Ende wartet auf denjenigen, der bis jetzt seinen „pro Kopf Verbrauch“ einigermaßen kontrollieren konnte, das krönende Grünkohlessen mit anschließender Preisverleihung des sabbernden Schweineordens für die hungrigsten Esser.

In der S-Bahn Richtung Minden treffe ich bereits den harten Kern der Spirituosen-Lemminge. Mit dem Pflichtbewusstsein hoher Verantwortung im Nacken, sind sie bereits dabei, die unbekannten Getränke zu testen und zu bewerten. Dieses erfolgt in stetem Wechsel mit der Zunahme der bereits bekannten und zugelassenen Flussmittel des letzten Jahres.
Nach dreißig Minuten Zugfahrt verlässt die Truppe Ost die rote S1 und trifft sich mit den restlichen Lemmingen und Qualitätsprüfern aus dem Westen der Republik.

Nun stehe ich hier im schönen Bückeburg und versuche zumindest noch zu Beginn des Events, die wandernden Mitesser sicher zu disponieren.
Aufgabe eins: Aufstellung zum Gruppenfoto vor dem Bahnhof Bückeburg.
Was am Anfang noch einfach erscheint erweist sich nach einigen Versuchen als schier aussichtsloses Unterfangen. Es ist leichter einen brennenden Ameisenhaufen in Reih und Glied antreten zu lassen. Trotzdem schreite ich durch die mit Schnapshumpen Behangenden und weise jedem einen festen Standplatz zu. Auch mein Humpen wankelt fröhlich an einem Halsband gehalten vor meiner Brust hin und her.
Nun schnell das Haupthaar in Position gebracht und ein, zwei Fotos aus der Hüfte geschossen. 
Klick, Klick, geschafft!

Die Jagd nach dem Schweineorden mit Urkunde beginnt...

Ein Blick in den Bollerwagen sagt mir, dass die Verpflegung für gut drei Stunden ausreicht, ehe es in der Folge zu Ausschreitungen und Rebellionen kommt. Nach den ersten zweihundert Metern erreichen wir bei Minusgraden und Windstärke 6 offenes Gelände. 

Der kalte Wind macht uns schwer zu schaffen. Er bläst ins Gesicht. Er bläst in die Jacke und er bläst in die Hose. Ich habe mich nach langer Vorplanung für eine lange Unterhose mit Seiteneingriff im modischen blassblau entschieden. Damit steht man(n) immer auf der sicheren Seite. 

Modisch auf der Höhe und auf alle Vorkommnisse vorbereitet:
Langbeinige Unterbuchse in blassblau mit Notfall-Seiteneingriff

Nach vierhundert Metern sieht man die ersten Grünkohl-Lemminge, wie sie auf dem Feld hektisch einen Puscher-Busch als Blickschutz suchen. Vergebens! Der Wind bläst die Büsche bis auf Kniehöhe herunter und das Gelächter der Damen weht weit über das sonst blankgefegte Feld. Und mir wird bewusst: Das Lied „20 Zentimeter“ ist auf Lügen aufgebaut. Ich bin erschüttert!

2ter Streckenhalt. Im Bild die mittlere Truppe der Bollerwagenziehbevollmächtigten

Hop hop hopp, det jute inne Kopp

Die Karawane zieht sich nun wie eine Perlenkette über die Weite des Landes. Vorne weg die Jugend, dann die starken Bollerwagenziehbevollmächtigten und zum Schluss die Gruppe der Filzhut-Träger. 
Die Flaschen im Karren erzeugen bei jeder Bodenerhebung und Senke einen klirrenden Protest. 

Klünkel schünkel. Klünkel schünkel. Scheppel. Pinkel Pankel. Prünkel Püng.

Mit dabei ist der Mischlingshund Ludwig. Wir sind uns sicher, Ludwig ist aus einer nächtlichen Liaison von Snoopy und dem Dackel von Hausmeister Krause entstanden. Ludwig apportiert den ganzen Tag. Ohne jegliche Apportierschutzpause. Hat man ein Stöckchen in der Hand, baut sich Ludwig bereits erwartungsvoll mit durchstartenden Beinturbinen vor einem auf. 

Raketenhund Ludwig. Noch sieht er gut aus...

Mein Kumpel Jörg will auch das Stöckchen werfen. Lange visiert er das weite Feld an. Er zielt, spannt die Muskelgruppen an, zielt nochmals ganz genau. 
Und zielt nochmal.
Und zielt nochmal.
Vor ihm tun sich nicht besonders viele Wurfziele auf. Zwanzig Hektar Acker und ein kleiner Bach (den er aus seiner Position nicht sehen kann). 
Und schon kommt der Wurf... (Ludwig und ich haben schon nicht mehr daran geglaubt).

Sssst, sssst, sssst, sssst, ssssst...

Sirrend schießt der Stock nah an unseren Köpfen vorbei. 

Sssst, ssst, ssst, ssst, sst, sst, st, st, st, s, s, s... 

Wie soll es anders sein… Mein Kumpel trifft das Gewässer. War doch auch irgendwie klar, denke ich träge wie eine Raupe im Verpuppungsstadium.
Nur Ludwig denkt gar nicht. Ludwig startet durch. Nichts kann und wird ihn jetzt noch aufhalten. Wie Batman schießt er über den gefrorenen Lehmboden und verschwindet kurz darauf vom Horizont. Und allen ist uns klar: Ludwig hat den Todessprung mit 3facher Strudelrolle gewagt. 
Die halbe Karawane findet sich am natürlichen Beckenrand ein und schaut Ludwig dabei zu, wie er im Eiswasser mit seinem Stöckchen herumrudert. Die Menge ist sich schnell einig. Diese Leistung reicht wenigstens für das Seepferdchen-Abzeichen. Ich nehme mir ein Herz und rette zuerst den Hund und dann sein Wurfholz. 

Nach dem kleinen Zwischenspiel ziehen wir endlich weiter. Nach und nach leert sich der Bollerwagen und wir erreichen nach zwei Stunden die anvisierte Gastwirtschaft in Meinsen. Wer jetzt noch der Sprache halbwegs mächtig ist, will unter allen Umständen den Schweinorden gewinnen.
Der Wirt und der im Unterbodenbereich hartgefrorene Ludwig sind jetzt die Einzigen, die bei klarem Bewusstsein sind. Auch ich sehe meine Umwelt wie durch ein auslaufendes Aquarium.
Ich stelle fest, dass das Einzige, was sich an einer Grünkohlwanderung wirklich störend auswirkt, das Grünkohlessen selbst ist. Die restlichen Teilnehmer sehen dieses nicht so. Sie stürzen sich auf die dampfenden Schüsseln mit Bregenwürsten, Kassler Braten und Kartoffeln wie afrikanische Heuschrecken auf das letzte Grün der Savanne. 
In den folgenden Minuten ist der Raum einzig erfüllt von Essgeräuschen, die wild in meinem Kopf herumwabern.

Schlüüürf, schlabber schlabber, klimper klump, snüp und schmatz.

Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei. Die Wettkampfjury hat die beiden besten Wiederkäuer ermittelt. Bewertet wird Essverhalten, Ess-Stil, Essgeschwindigkeit und Menge.
Ich, mein Kollege Andi und die 7jährige Kathi haben die ehrenvolle Aufgabe, die diesjährige Grünkohlkönigin und den Grünkohlkönig zu ehren. 
Beide gewinnen mit einer Vertilgungsleistung von 4,5 Portionen in 36 Minuten den beliebten Schweineorden nebst Urkunde. 

Die kleine Kathi hat die großen Männer voll im Griff.
König Thomas bekommt den sabbernden Schweineorden
Die Königin hängt derweil schon wieder an ihrem Teller fest.

Ich, König Thomas, Andi und Kathi. 
Der König lässt sich nicht lumpen und spendiert auf den Gewinn ein Lokalrunde

Persönliches preisgeben und Award entgegennehmen!

Von der lieben TinnyMey habe ich für meine Seite einen super Leserpreis bekommen. 
!!!Meinen allerersten Award!!!
Vielen lieben Dank dafür! 



Die Regeln des Award lauten:
Danke der Person, die Dir den Award gegeben hat und verlinke sie in Deinem Post
Erzähle uns sieben Dinge über Dich
Gib den Award an bis zu 15 kürzlich entdeckte, neue Blogger
 Kontaktiere diese blogger und lasse sie wissen, dass sie einen Award bekommen haben. 

Na dann komm ich mal zu den 7 Dingen über mich:

1. Ich kann mir keine Namen im normalen Alltag merken. 

Namen in Spielfilmen und Büchern aber speichert mein Hirn geschätzte siebenhundert Jahre.

2. Ich bin ab 10m blind wie ein Maulwurf. Ich bin aber zu geizig, Geld für ein neues Doppelauge oder für Kontaktlinsen auszugeben.
 

3. Jede Nacht stehe ich auf, weil mein Kopf mir befiehlt: Nimm die 2 Schokoriegel in der Schokoladenriegelschublade und verputze sie mit einem halben Liter Milch!

4. Ich laufe 3mal in der Woche 10 Kilometer durch Wald und Flur. Aber nehme kein Gramm dadurch ab. Wahrschenlich verschlucke ich beim Laufen Kiloweise Mücken und anderes Fluggetier.


5. Ich esse am liebsten jedes Gericht mit viel Schärfe und Knoblauch. Außer Vanilleeis und Marmeladenbrötchen. Eines meiner Leibspeisen sind "Hähnchenherzen auf Kräuterbutter mit Tabasco". Das muss ich dann aber leider meist alleine essen :-(

6. Ich habe heute das allererste Mal etwas bei IKEA gekauft. 

7. Als ich in Süd-Korea gearbeitet habe, gab es nur eines, was mir nicht geschmeckt hat: Gedünstete Ratte auf rohen Krebsbeinen zum ausschlürfen. Dagegen sind gebackene Heuschrecken mit Honig ein wirklicher Hochgenuß! Seitdem suche ich die kleinen Rasenspringer in den hier ansässigen Delikatessenläden. Bisher vergebens :-(

Ich möchte nun diesen 
schönen Award weitergeben an......

San Linnert

...weil sie mich mit ihren Bildern und Ideen 
auf all ihren vier Blogs immer wieder inspiriert.
Vielen Dank dafür und bis demnächst!

Einen Pilz auf die Milz


Um die Zeit bis zu meinem nächsten Urlaub zu überbrücken, setze ich meine schönsten Pilz und Pflanzenbilder meines letzten Norwegen Urlaubs als Lückenfüller auf die Seite.
"Norwegen, das Land der Elche", wird nun jeder denken. Aber falsch gedacht. Alles gibt es in dem Land aus Fels und Wasser. Nur keine Elche! Jedenfalls keine echten. Mücken, Lachse und Trolle. Blockhäuser, Flüsse, Mautstellenkassiererinnen und Kobolde. Elfen, Feen, Schafe und vereinzelt sogar ein paar Norweger. Das alles gibt es tatsächlich vor den Toren zum nördlichen Eismeer. Aber in gar keinem Fall pflanzenwiederkäuende, plüschhörnige Riesen-Hirsch-Kloppse. Ich habe ganz Norwegen nach diesen Ungetümen abgesucht. Gefunden habe ich nur Schilder mit den gesuchten Schaufeltieren drauf. Und riesige, über ganz Norwegen verteilte, AA-Haufen.


Eine Wissenschaftsshow im Ersten nennt sich "Wissen macht Ah". Ein Elch muss demzufolge ein wandelndes Wissensgenie mit einem Atom-Magen sein. Egal wo man hintritt. Alles voller Elch AA-Haufen. Dennoch sind die Dinger eine pfiffige Erfindung der Touristen-Industrie, damit mehr Urlauber in das Land kommen. Denn - was niemand weiß - arbeitslose Wikingerfamilien und Alt-Seniorinnen verdienen sich so ein kleines finanzielles Zubrot vom Staat. Sie stellen die etwa 3 cm großen AA-Kügelchen aus Pflanzen- und Pilzresten mittels geheimen Mikrowellenverfahren her und verteilen sie über dem gesamten Land, während sich die Meute der Norwegenfreunde in einem tiefen Schlaf wiegt.
Sollten andere Norwegenbesucher tatsächlich Elche gesehen oder überfahren haben... Glaubt mir, es waren Stoff-Elch-Attrappen (manche mit elektronischem Geräuschimitator), welche von den Fremdenverkehrsämtern auf die Straßen und Lichtungen geschraubt werden. Die ständigen Kau- und Kopfbewegungen werden durch elektrische Servo-Motoren - wie die der Tiermonster in einer Geisterbahn -  erzeugt.
Was also fotografiert man in Norwegen, außer die schon millionenhaft gesehenen Fjordbilder (nein, nicht Fordbilder) mit durchfahrenden Kreuzfahrtschiffen oder Rentieren, welche zumeist gar nicht rennen sondern kauen?
Nun, in Norwegen ernährt man sich als Touri in den letzten zehn Urlaubstagen ausschließlich von Fischen, Pilzen und Beeren, da ein vorangegangener Restaurantbesuch mit eins zwei kühlen Bierchen den Brieftascheninhalt komplett gesprengt hat.
So lag es auf der Hand, mein tägliches Essen aus der Natur selbst zu organisieren und zu fografieren. Das ist umsonst, ständig nachwachsend und einmalig schön. Zuvor kaufte ich mir die erste digitale Kompaktkamera meines Lebens und testete mich als Anna Pavlova des Pixelbilds. Meinen Lesern wünsche ich viel Spaß beim Bilder gucken… Tschüss und bis in zwei Wochen!


Nicht nur großes gibt es in Norwegen zu sehen...









 Auch im Makrobereich verstecken sich die kleinen Wunder...




  









































Abgetaucht und erschlagen

Für alle Hobbytaucher und Menschen, die mal 3 Minuten mehr als entspannen wollen... Das schönste Kurzvideo welches ich dazu bislang gefunden habe. Die Aufnahmen sind während einer Überflutung am 15.Juni im Grünen See / Österreich entstanden. Ich bin durch die tollen Farben richtig erschlagen. Lohnt sich auch für wasserscheue Trockenschwimmer...!!!

...Schöööööön!!!

22.12.2010 - Der sprechende Plastikvogel und die Silberquäke

Es ist 06:00 Uhr. Der Wecker wirft gähnend seine blassen Zahlen ohne Gnade durch das dunkle und kalte Schlafzimmer. Er klatscht seine Zahlen gegen den Schrank und die rot gestrichene Tapete. Und er klatscht seine Zahlen gegen meine blasse Stirn. Quäkend tutet ein Riesenalarm aus einem Wecker ohne erkennbare Lautsprecher und kippt ohne Unterlass meine Ohren mit m´s und ä´s und t´s voll.

Määät määät määät määät määät määät määät...

Ich versuche, die Lage des "Alarm-OFF" Knopfes mit geschlossenen Augen abzuschätzen, um dem kleinen Ohrenvergewaltiger zu eliminieren.

Määät määät määät määät määät määät määät määät määät...

Ich gebe alles und aktiviere die bereits zuckende Muskelgruppe meines rechten Augenlides.
Da steht das kleine, miese, doofe, hässlich quäkende Ding.
Ich versuche den Sleep-Knopf zu aktivieren, und mir damit 5 Minuten Zusatzruhe in der Aufwachphase zu gönnen.

Määät määät määät määät määät määät määät määät määät määät...

Das Achteuroscheißding von Kaufhof reagiert nicht. Ich tippe auf dem Sensorknopf herum wie ein afrikanischer Klopfkäfer während der Partnervermittlung.

Määät määät määät määät määät määät määät määät määät määät määät...

Langsam erkämpft das Kaufhof-Ding meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich haue mit geschlossener Faust auf die silberne Quäkenhülle und treffe alle Knöpfe auf einmal. Mit dem Erfolg, das mir nun die Zeit in Kambodscha und Toronto gleichzeitig angezeigt wird, agiert das Ding weiter.

Määät määät määät määät määät määät määät määät määät määät määät...

Jetzt reicht es! Das Maß ist voll! Ich soll nicht schlagen. Schlagen ist schlecht. Man kann und sollte alles in Ruhe und mit Worten regeln, sagte mir meine Mutter immer und immer wieder. Aber nicht mit mir! Nicht jetzt! Ich werde nicht mit meinem Wecker kommunizieren und versuchen, ihn mit sachlichen Argumenten zu überzeugen.
Ich schlage das Silberding hart. Links, rechts, Aufwärtshaken und zum Abschluss ein Seitwärtshammer, der die Silberquäke endlich verstummen lässt.

Das Achteuroscheißding von Kaufhof.

Ich schlurfe ungelenk ins Wohnzimmer und lasse mich auf meinem schäbigen, aber gemütlichen Sofa nieder. Erst jetzt merke ich, dass auch mein Magen Alarm meldet. Er dreht sich wie ein Kettenkarussell um Zwölffingerdarm und Milz. Mir geht es nicht gut. Ob es an einem Virus liegt oder gar an dem gestrig gekauften Möwenteppich, welcher sich langflorig und mollig unter meinen nackigen Füßen ausbreitet, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch mein Kopf schmerzt, als wäre mir letzte Nacht ein Gullydeckel aus der Denkerbirne gewachsen. Nichts geht mehr. Männer können verdammt gut leiden und ich gebe heute die Creme de la Creme dieser Spezies ab.
Der Magen stellt sich kurzzeitig und selbstständig auf die Grundfunktion Wiederkäuertechnik um und ich überlege, dem Gefühl aus dem Untergrund nachzugeben. Nichts da! Das Essen von gestern Abend war teuer und bleibt, wo es ist. Basta Monsieur Magen!
Ich entschließe, etwas später auf der Arbeit zu erscheinen und tätige einen kurzen "Sorget Euch nicht - Anruf" bei der Sekretärin. In der Arzneimittelschublade gleich unter der Strumpfschublade erspähe ich Horden von bunten Tabletten und Pillen gegen alles und irgendwas. Mit einem schwarzen Tee (Earl Grey) wandern einige der kleinen Arzneiwunder heiß die Magenwände herunter und entfalten ihre Wirkung...
...09:00 Uhr. Ich wache zum zweiten Mal an diesem Tag auf. Die Sonne streichelt über mein Gesicht und ich schaue durchs doppelt verglaste Holzfenster in einen gewaltigen, blauen Winterhimmel. Alle Organe und Denkareale funktionieren in ausreichender Form, um den Tag nun erfolgreich in Empfang zu nehmen.
Zähnchen putzen, Magen mit Frühstückstee begießen und ab in die Stiefel.
Nebenbei informiert mich das Internet unter www.bahn.de über die Pünktlichkeit aller S-Bahnen Richtung Hannover.
Hallo du herrlicher Tag! Ich stapfe vergnügt durch den Schnee wie damals als kleiner Bub im Vorschulalter. Die S-Bahn um 09:43 nehme ich mir als Ziel und die verschneite Landschaft zieht traumhaft an mir vorbei. Eine winterliche Ruhe liegt über den verschneiten Feldern und Dächern - wie unter dicker Watte. Ich zücke meine Kamera, welche ich immer am Mann habe und betätige, süchtig nach tollen Bildern, den frostig kalten Auslöser. Der Schnee lässt meinen Wohnort schöner erscheinen, als er in Wirklichkeit ist.

 Winterlandschaft zwischen Wohnstätte und Bahnhof.
So darf mich der Tag jeden Morgen empfangen!

Auf Bahnsteig 2 ist es böig und das Gesicht spannt sich vor Kälte...
Schneekristallwolken formen sich durch meinen Atem und schweben vor mir weg.
Es ist 09:44 Uhr und leider kein Zug zu sehen. Die Kälte kriecht mir klamm die Beine und Arme hoch.
10:00 Uhr. Immer noch keine rote S-Bahn im Kommen. Außer mir treten zwanzig weitere Bahnkunden den Schnee auf dem Steig nieder.
10:23 Uhr und die Gedanken vereisen. Sie schieben sich bei minus zwölf Grad Celsius langsam durch die Nervenkanäle und bleiben vereinzelt im gefrorenen Synopsen-Geäst hängen. Ich bin mir nicht mal mehr sicher, ob der rote Zug bereits vor mir gehalten hat oder nicht. Wie hypnotisiert stehe ich hier. Ein Blick über den Bahnsteig bestätigt mir, dass die anderen Reisenden noch da sind und weiterhin den Bahnsteig befluten. Wie eine Rentierherde im Polargebiet atmen sie ganze Wellen von Nebelschwaden aus, welche unkontrolliert über die Wartezone wabern.
10:50 Uhr und mir fällt auf, dass seit gut einer Stunde nicht ein einziger Personenzug den Bahnhof passiert hat. Weder in der einen, noch in der anderen Richtung. Lediglich zwei Güterzüge donnern aus Richtung Seelze kommend an den Wartenden - und sollte sich die Wartezeit verlängern - an den bald Sterbenden vorbei.

 Güterzug, gestartet in Seelze mit Baureihe 145 033. 
Mit 4500 PS heißt es "Volle Kraft voraus!"
 
Meine Laufspur zieht sich allmählich wie ein tiefer Schützengraben auf dem Bahnsteig entlang. Alle Wartenden und Sterbenden haben sich solch einen Laufgraben geschaffen. Sie bessern voller Bauherrenstolz die Stellen mit dem Schuh aus, wo nachrutschender Schnee die Konstruktion zerstört hat. Mancher Weg erinnert an stupide Autobahnspuren. Andere Laufgräben sehen aus wie Bauwerke von flüchtenden Brontosauriern. Total verwirrte Bahnkunden kreuzen die Laufgräben anderer. Das geht nun gar nicht! Dieser Umstand wird mit mürrischen Grimassen und kaum hörbaren Warn-Grunzgeräuschen der "Ich war zuerst hier - Bauherren" quittiert.
Nach mehr als eineinhalb Stunden Bauen, Konstruieren, Warngrunzen und Kältetod ausweichen erscheint ein roter Fleck am entfernten Horizont. Die S-Bahn Richtung Hannover kommt! Ungläubig staunen alle Reisenden der S-Bahn entgegen. Noch ungläubiger staunen wir alle als wir bemerken, dass die Beförderungsgurke auf dem falschen Bahnsteig einläuft. Achtzig Füße, zwanzig Koffer mit mittlerweile vierzig mürrisch festgefrorenen Gesichtern poltern die vereiste Treppen von Gleis 2 herunter und am anderen Ende des Tunnels die Treppe zum Gleis 1 wieder hoch. Die Karawane der Tapferen erreicht aus meiner Sicht den Zug in Gänze lebend. Keine Ahnung, wie wir das alle geschafft haben. Türen zu und Abfahrt! Auf geht’s zum letzten Tag Arbeit in diesem Jahr! Der Urlaub liegt nun so dicht vor mir wie eine Lamaherde im Streichelzoo.

Meine S-Bahn... Für Viele Hoffnung und Trost in einem!

16:00 Uhr. Das Leben hat mich nach meiner Arbeit wieder. Der Befehl lautet nun: "Urlaub genießen und Weihnachtsvorbereitungen treffen!" Zwei Stunden später stehe ich mit einhundertvierzig Weihnachtsbaumkugeln, drei Glitzervögeln, fünfzehn Packungen Prachtlametta in Silber, zwei Lichterketten mit einhundertzwanzig Lichtern und einer Baumspitze vor meinem zweieinhalb Meter hohen Weihnachtsbaum.
Die Accessoires warten auf ihre Präsentation und ich beginne mit der jährlichen Schmück-Zelebrierung.
Einem alten Brauch zufolge - den ich erfunden habe und immer wieder akribisch perfektioniert und verfeinert habe - muss das Aufhängen jeder Baumkugel mit einem Schluck Wein begleitet werden. 
Nach zwei Stunden werden die Kugeln immer bunter. Nach der dritten Stunde fangen die Plastikvögel an, mit mir zu sprechen.

 Der Plastikvogel in der Westkurve des Baumes. 
Kann unter besonderen Haltungs-Bedingungen sprechen!  

Nach der vierten Stunde beende ich das diesjährige Trink-Schmücken mit dem Setzen der Silberspitze. Dieses Jahr falle ich dabei nicht in den Baum. Was für ein erfolgreicher Tag! Ein Blick auf den Gezeitenkompass auf meinem Handgelenk sagt mir, das es Zeit wird, mein Ikea Bett aufzusuchen. Ich finde es nach recht kurzer Suche. Nur noch schnell ein Foto von meinem Baum gemacht und dann… „Gute Nacht!“

 ...mein ganzer Stolz der nächsten Tage.
Mein Bäumchen 2010/2011

21.12.2010 - Dienstag ist Teppichtag

16:00 Uhr. Mein Leben beginnt. Mein Leben beginnt immer nach der Arbeit gegen 16:00 Uhr. Außer Freitag, Samstag und Sonntag. Ich lebe freitags immer eine Stunde länger und Samstag bis Sonntag sogar ganztags. Jetzt, wo ich mich gedankentechnisch von meinem Job entfernt habe wie Kampfstern Galactica von den letzten Menschenkolonien, nehme ich mir vor, mir mal wieder eine Runde selbst zu spendieren.  Ein neuer Teppich für meine neue Junggesellenwohnung soll es sein. Hell und warm und ansehnlich soll er sein. 
Ich steige in den sechzehn Jahre alten Ford Eierbecher, der bereits seinen dritten Austauschmotor feiert,  und gehe die noch funktionalen Systeme durch.
Motorglucksen nach dem Anlassen: gecheckt!
Handbremse gelöst: gecheckt!
Abblendlicht: gecheckt!
Radio eingestellt auf Lieblingssender: gecheckt!
Antenne ausgezogen: gecheckt!
Der alte Ford prescht vorwärts und vor mir tun sich tausende von Kubikmetern von Neuschnee auf. Was für ein klasse weißer Winter. Ein Paradies für Schneefahrer wie mich. Für die restlichen 95% der Führerscheinkäufer anscheinend die größte Katastrophe. Nachdem sich der silberne Eierbecher durch zwei Seitenstraßen gefräst hat, biege ich auf die Hauptstraße meines Heimatortes ab.
Und wie soll es anders sein… Ich treffe auf einen dieser 95%igen Vorsichtsfahrer, welcher vor mir mit einem schwarzen 5er BMW und satten 10 km/h die Hauptstraße hochjachtert. 
180 PS, Traktionskontrolle, ESP, Antischlupfregulierung, Kontrollverlustbooster, Auspuffblubberverstärker und 235er Reifen. So schiebt sich der BMW vor mir her, als hätte man ihm den Motor an der letzten Tankstelle geklaut und den entstandenen Platz mit Stahlbeton ausgegossen. Der Fahrer schraubt seine Hände an das Lenkrad und die weißen Knöchel treten markant hervor. Sein Gesicht zieht unter einer braunkarierten Mütze eine angespannte Grimasse. Die dicke Hornbrille scheint die Windschutzscheibe aus der Fassung drücken zu wollen. In den folgenden zehn Minuten bewältigt die Autokarawane BMW/Ford ganze achthundert Meter. Ich baue mir in Gedanken zwei Fachwerkhäuser und ein Hausboot zusammen, nur um nicht einzuschlafen. Die Tachonadel des Ford quittiert die Raserei mit Streik.  
Warum setzen sich Menschen ins Auto, wenn sie mit dem Fahrrad oder ihrer Gehhilfe wesentlich schneller Ziele im Umkreis von zweihundert Kilometern erreichen können? Nur um die restlichen Verkehrsteilnehmer wie mich an den Rand des Wahnsinns zu bringen! 
Der BMW scheint nun fast still zu stehen. Noch langsamer und er läuft Gefahr, auf den Straßen festzufrieren. Die analoge Uhr zeigt 18:30 Uhr. Der Teppichhandel im zehn Klometer entfernten Nachbarort schließt bereits um 19:00 und ich rechne mir aus, den Laden unter diesen Umständen nicht vor Mitternacht erreichen zu können. Mein Fuß tritt das Gaspedal vorsichtig durch und der silberne Eierbecher schießt am bayrischen Exportbartikel vorbei. Der BMW verschwindet in einem Fahrnebel aus Eis und Schnee und meine Nerven rehabilitieren sich.
18:45… Der alte Ford sucht sich selbstständig mit ausbrechendem Hinterteil einen der noch freien Parkplätze des Verkaufshauses. Meine nass geschwitzten Schuhe führen mich durch das festliche Eingangsportal und eine wohlige Wärme mit den Gerüchen eines Neuwagens umgibt mich. Eine Warenvielfalt mit über zweitausend Teppichen, geknüpft und gehäkelt durch glückliche chinesische Kinderhände, bricht über mir zusammen. 
Ich habe fünfzehn Minuten, um mir alle Teppiche zu betrachten und einen geeigneten Läufer zu angeln. Das macht weniger als 2,3 Sekunden pro Teppich. Und das Dank eines Autofahrers, der sich zum Sterben in seinen BMW gelegt hat.
Ich forste mich wie Fozzi Bär durch die Berge von handgeknüpfter Wolleartikeln und erspähe ein attraktives Sonderangebot im Kassenbereichs. Ein hell melierter Langflor für 179,00 Euro. Ein Schnäpperchen unter Berücksichtigung der Größe von drei mal zwei Metern. Ich gönne mir einen weiteren Blick in das wollige Rund und erspähe in der hinteren Ecke eine weit aus bessere Qualität einer Super-Comfort-Auslegware für dreißig Euro pro Quadratmeter. Ein Langflor supersanft, knieschonend, mit antistatischer Fleckenabwehr und gehobbelter Zottelhaartechnik. Das ist etwas ganz anderes, als die Zusammen-Klitsch-Klatsch-Technik der Teppichböden im Kassenbereich. Klar, ein stolzer Preis für solch einen Fetzen Bodenstoff. Trotzdem entscheide ich mich jetzt für den Edel-Stoff von der Rolle. 
Nur noch sieben Minuten bis Geschäftsschluss. In der Aufregung überrechne ich schnell 3 mal 2 Meter mal 30 Euro = 180,00 Euro. Der selbe Preis für einen qualitativ 10mal besseren Teppich als der ausgestellte Wollhaufen vor dem Kassenbereich, den ich noch zwei Minuten zuvor mein eigen nennen wollte. Alles klar! Die Entscheidung steht nun unumstößlich fest!
Noch 5 Minuten. Gellend schwappen meine Rufe nach einem Starverkäufer durch die  Halle. Ein Pinguin mit Krawatte und Lackslipper bestellt mich mit einer freundlichen Geste zu seinem Verkaufstisch und wir beginnen unverzüglich mit der Aufnahme der Formalitäten. Nachdem er meine Angaben akribisch in seiner Datenbank verankert und gespeichert hat, wird ein Trupp Mitarbeiter konsultiert, um die Auslegware in das von mir gewünschte Teppichmaß zu zerschneiden. Gut gelaunt schiebt mir der Starverkäufer mit dem Pinguinschnabel die bereits zweifach ausgedruckte Rechnung über den altweißen und abgegriffenen Tisch. Ein Blick auf die Zahlen lassen meinen Magen augenblicklich wie eine russische Fernsehröhre implodieren.
Natürlich… Die Auslegware kommt schließlich von einer Teppichrolle mit einer Gesamtbreite von 5 Metern. Die Rechnung besagt, dass ich soeben einen Teppichrest im Wert von 300 Euro erworben habe.
Farbwechsel laufen durch mein Gesicht wie bei einem kranken Oktopus. Hinter mir höre ich, wie die emsig arbeitende Mitarbeiterbrigade den Teppich ausrollt und die elektrische Teppichschneidemaschine in Betrieb setzt.
Määääääää määääääämmmmmäämmmämmmäääää…
Das Gerät schrillt mit dem bissigem Ton eines sterbenden Schafes durch den mitlerweile leeren Verkaufsraum.
Määäääääämmmmmmmmäääämmmäääääääääääää…
„Oh mein Gott“, fährt es mir durch den Kopf. Um den Fehler auszugleichen werde ich die nächsten zwei Monate meine Pausensnacks bei Wasser und Brot verbringen müssen. Nur wegen eines einzigen Rechenfehlers. 120.- Euro in den Wind geblasen. Und das mir! In der Schule war ich immer einer der Besten, wenn es um komplizierte Rechenaufgaben ging. Und nun scheitere ich bereits an einer simplen Multiplikationsaufgabe im einstelligen Zahlenbereich. 
18:58 Uhr. Nur noch zwei Minuten um meine Entscheidung zu korrigieren, die wild gewordene Teppichverkaufscrew zu stoppen und dem Pinguinschnabel verständlich zu machen, dass es sich hier nur um ein peinliches Missverständnis handele.
„Ääähm, ich sehe gerade, sie haben auch andere Teppiche?“
Mr. Pinguinschnabel schaut mich an wie ein Eisbär, dem man eine siedendheiße Wärmflasche unter die Tatzen geschoben hat. Gellend schneidet sein Ruf zu der Teppichcrew mit dem wimmernden Schneidewerkzeug durch.
„Stopp! Halt! Rollt den Teppich wieder auf.“! 
Mürrisch rollt die Teppichbrigade den Super-Langflor wieder auf die Rolle. Ich verabschiede mich dankend und hetze um 18:59 Uhr zum Kassenbereich. Ich zottele mir den schon zuvor begutachteten, hell melierten Billig-Flor aus dem Stapel und zahle pünktlich um 19:00 die geforderten 179,00 Euro für das Schmuckstück. Als ungekrönter Teppichkönig und dem Gefühl ein geradezu einmalig tolles Schnäppchen gemacht zu haben, verlasse ich die sich hinter mir schließende Teppichwelt.
Schnell das Prachtstück ins Auto gestopft, ab nach Haus, Teppich wieder ausgeladen, im Wohnzimmer abgerollt und Sitzecke wieder draufgeklatscht.
 Der Tannenbaum ist echt und hebt alles,
was sich in meiner Stube befindet!

Im Hintergrund die Kombination Frühlingsgrün/Bordeauxrot... 
Einmalig in ganz Deutschland! Oder?

Mein Käuferstolz siecht dahin wie Kräuterbutter im Heißluftofen. 
Der Teppich ist schön. Mein Wohnzimmer ist schön. Dieses ist aber kein zwingender Garant dafür, dass beides auch in jedem Falle zueinander passt.
Das viereckige Wollding sieht auf meiner blauen Auslegware aus wie ein riesiger Möwenkothaufen. Ich habe ich das Zimmer bereits vor einem Monat in den Farben Frühlingsgrün mit Bordeauxrot gestrichen. Der Eindruck, hier zu Gast bei Prinzessin Lillifee zu sein, erreicht damit einen neuen Höhepunkt.
Ich will nichts überstürzen und lasse alles stehen und liegen. Morgen habe ich eine andere Sicht auf die Dinge. Und auf den Möwen-Teppich. Gute Nacht!